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Gutes Essen, mässige Atmosphäre im Restaurant Sissi, Meran

27 Apr

Ein Gourmet-Abendessen während meines Südtirol-Aufenthaltes über Ostern wollte ich mit in Meran leisten. Entschieden hatte ich mich für das Restaurant Sissi von Andrea Fenoglio, das – wie das Restaurant Kuppelrain – mit einem Michelin-Stern dekoriert ist.

Das Interieur erinnerte mich ein wenig an ein Bahnhofbistro, wie es in den 20er oder 30er Jahren hätte aussehen können: etwas nüchtern, nicht sehr bequem – so richtig warm wurde ich damit nicht.

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Aber in erster Linie war ich ja wegen dem Essen da und nicht wegen der Einrichtung. Die Speisekarte im Sissi ist recht übersichtlich und – wie ich den Informationen im Internet entnehmen konnte – wohl auch seit Jahren immer in etwa gleich. Da ich zum ersten Mal dort essen war, spielte das für mich keine Rolle – für mich war alles neu. Und genau darum entschied ich mich auch für das Menü «Ottopiatti», ein Überraschungsmenü – wie könnte es anders sein. Der Auftakt stand so schnell vor mir, dass ich kaum Blinzeln konnte.

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Eine flüssige Pizza, ein Kondensat von Tomate mit Olivenöl, geröstetem Brot und einem Stück Büffelmozzarella. Molekularküche lässt grüssen. Eine spannende Pizza-Variante, keine Frage und auch geschmacklich gut. Weniger gut indes fand ich die Bedienung. Die war ziemlich barsch und vermittelte mir mehr das Gefühl, zu stören, denn als Gast willkommen zu sein. Dazu passte auch das Tempo, mit dem die Speisen aufgetragen wurden. Denn kaum hatte ich die flüssige Pizza runter, kam auch schon der nächste Gruss aus der Küche – eine Bagna Cauda, ein typisches Gericht aus dem Piemont (kulinairscher Ursprung von Fenoglio), als Paprika-Oliven-Sphären umgesetzt.

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Meiner Ansicht nach war die Sphäre zu lange im Alginatbad – die Gelhülle war mir zu dick und hinterliess einen unangenehmen Nachgeschmack im Mund.

Kaum hatte ich die «Kugel» geschluckt, stand schon die Makrele im Moment geräuchert auf Apfel mit Ingwer vor mir.

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Leider kann ich von diesem Gericht kein Vorher-Nachher-Bild präsentieren, weil die Bedienung das Glas, unter dem die Makrele im Rauch lag, wegriss, bevor ich auch nur nach der Kamera greifen konnte. Keine Ahnung, wie manche Leute den Weg zu einem serviceorientierten Beruf finden! Die Makrele schmeckte übrigens wunderbar, der Rauchgeschmack war intensiv und passte wunderbar zusammen mit Apfel und Ingwer.

Die Gänseleber mit geräuchertem Aal, Balsamico-Gelée, karamelisiertem Apfel, Apfel-Sauce und Aal-Luft waren optisch und geschmacklich sehr gut.

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Vor allem der geräucherte Aal schmeckte phantastisch – den besten, den ich je gegessen habe. Der caramelisierte Apfel hingegen war leider bitter. Bis zu diesem Gang hatte ich übrigens das Gefühl, auf der Flucht zu sein. Das Tempo, mit dem die Gänge aufgetragen wurden, liess kaum Genuss aufkommen. Das brachte ich dann auch zum Ausdruck. Erfolgreich. Bei den nachfolgenden Gängen servierte eine freundlichere Dame – und in einem Tempo, bei dem ich das Essen auch wirklich geniessen konnte.

Das Dreierlei vom Stockfisch beäugte ich etwas misstrauisch, nachdem die einzelnen Bestandteile auf dem Teller benannt wurden: Stockfischkutteln mit Tomate und Pesto, frittierter Hals und Zunge vom Stockfisch, Stockfischpürée auf Zucchini.

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Die Kutteln waren hervorragend, das Pürée ganz ok. Hingegen konnten mich die frittierten Stücke gar nicht überzeugen. Ich hätte jetzt behauptet, dass das Frittieröl nicht mehr frisch war. Aber in einem Sternerestaurant dürfte so etwas wohl nicht passieren…

Auch nicht so gelungen war in meinem Mund die Kichererbsen-Crème mit roten Scampi aus Sizilien und Meereskrokant. Das lag zum einen daran, dass das Gericht nur lauwarm war, zum anderen schmeckte die Crème fürchterlich fade.

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Lecker war hingegen die Ei-Carbonara, das Ei als Sphäre auf grünem Spargel mit Speck, geröstetem Parmesan und schwarzem Trüffel.

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Die darauf folgende Kartoffel-Nocke mit Spinatfüllung (laut Fenoglio war es Bärlauch), Bärlauch-Sauce und Parmesan-Krokant war mir auch zu langweilig im Geschmack.

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Eigentlich sollte man meinen, dass der Bärlauch für eine kräftigere Note sorgen würde. Dem war aber nicht so. Auf diesen Gang hätte ich also sehr gut verzichten können.

Dafür war das Stück Lamm aus den Pyrenäen im Hauptgang ein ausserordentliches Geschmackserlebnis: das Fleisch saftig und zart, die Pistazienkruste dazu eine harmonische Abrundung.

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Das Highlight des Menüs war dann aber der Nachtisch: Vanille-Eis, Ziegenricotta, Kumquat, Zitrone und Olivenöl. Ein erfrischender süss-sauer Kontrast – eine hervorragende Idee, diese Zutaten zu einem Dessert zu kombinieren.

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Insgesamt war das Essen ok, vier der acht Gänge wirklich super. Ob das für einen Stern reicht? In meinen Augen nicht. Aber ich bin ja auch nicht für deren Vergabe zuständig. Preis für das Menü mit drei Glas Wein und einem Espresso: 112 Euro.

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