Die Milch, die Bauern und die Subventionen

24 Jun

Schon lustig, welche Gedanken mir am Morgen durch den Kopf gehen, wenn ich noch im Bett liege und draussen den Milchtankwagen zufahren höre. Ich konnte es mir nicht verkneifen, im Kopf mal kurz durchzurechne, was mein Nachbarbauer an der Milch (rein netto ohne Subventionen) so ungefähr verdient.

Kuh_Alpstein

Ich habe ja keine genauen Angaben, aber ich weiss, dass der Milchwagen alle zwei Tage die Milch holt. In den kleinen Tank meines Nachbarn passen wohl 500 Liter Milch. Da er ab und zu noch einen weiteren kleinen Milchkessel dabei hat, gehe ich davon aus, dass er meistens auch diese 500 Liter abliefern kann. Nehmen wir jetzt einen durchschnittlichen Netto-Milchpreis von 60 Rappen pro Liter (je nach A-, B- oder C-Milch kann das ja von über 70 Rappen bis weit unter 50 Rappen schwanken), dann wäre das ein Einkommen von rund Fr. 4‘500.- pro Monat. Davon muss dann noch das Futter, die Einstreu, der Tierarzt und die Infrastruktur bezahlt werden. Und die Familie müsste man davon ja auch noch ernähren können. Fazit: undenkbar. Dieses Ergebnis hat mir nun keine Ruhe gelassen, also wollte ich mich mal bezüglich Subventionen schlau machen. So ganz generell wusste ich ja, dass die Subventionen, die der Steuerzahler in der Schweiz an die Landwirtschaft entrichtet, recht hoch sind. Aber dass über 55% des landwirtschaftlichen Einkommens vom Staat finanziert wird, das habe ich nicht gewusst und mir erscheint diese Zahl auch ziemlich beeindruckend. Irgendetwas kann im Schweizer System einfach nicht stimmen. Um auf das Milchbeispiel zurückzukommen: Für einen Liter Milch bezahle ich im Laden (nicht Lidl oder Aldi) rund Fr. 1.40. Der Zwischenhandel zieht also 130% mehr raus, als der Produzent erhält. Darf das sein? Und der Konsument zahlt – als Umkehrschluss – eigentlich nicht nur den Milch-Nettopreis + den Zwischenhandel, sondern mit den Steuern auch noch die Subvention. Damit wären wir dann bei einem Milchpreis von Fr. 2.00 pro Liter. Jetzt stellt sich halt die Frage, wieviel so eine Milch überhaupt Wert ist – objektiv. Oder kann man so etwas gar nicht objektiv bemessen sondern nur subjektiv? Vielleicht sind 2 Franken durchaus angemessen. Vielleicht sollte man sich dennoch überlegen, ob man nicht beim Zwischenhandel den Preis etwas drücken kann. Ist es zum Beispiel nötig, dass die Organisation Schweizer Milchproduzenten SMP jährlich ein Budget von 20 Mio. Franken zur Verfügung hat – finanziert durch rund 0.7 Rp. pro Liter Milch? Oder ist es sinnvoll, dass es in der Schweiz so viele Kleinbauern mit Milchwirtschaft gibt, die dadurch einen ganzen Fuhrpark brauchen, um ihre paar Kühe zu versorgen? Darf es sein, dass ein grosser Milchverarbeiter, wie Emmi, jährlich unzählige Millionen an Subventionen einstreicht? Fragen über Fragen. Und das nur wegen einer kleinen Milchbüchleinrechnung am Morgen im Bett.

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19 Antworten to “Die Milch, die Bauern und die Subventionen”

  1. giftigeblonde 25. Juni 2014 um 16:59 #

    Ist hier in A ähnlich, noch dazu gibt’s eh zuviel Milch aus A, was zu Exporten führt, umgekehrt aber wir hier Milch aus anderen Ländern kaufen können, ebenso natürlich Milchprodukte….sehr blöd das ganze.
    Zuviel Politik im Spiel und zuwenig Leute an der Macht um diese Diskrepanzen auszumerzen :-(

    Aja hier kostet Milch, ich kaufe da ausschließlich österreichische Bio Milch zwischen 1,25 und ich glaube so 1.50€ pro Liter.
    Was nicht bio kostet weiß ich gar nicht, auch nicht was H-Milch kosten würde.

    Liebe Grüße Sina

    • Charlotte 25. Juni 2014 um 22:25 #

      Ich weiss gar nicht, ob man bei uns ausländische Milch kaufen kann. Da muss ich mal darauf achten. Aber bescheuert wäre das schon. Normal sollte man doch einfach die Lebensmittel, die im eigenen Land produziert werden, auch im eigenen Land verkaufen und erst aus dem Ausland importieren, wenn der Eigenbedarf nicht gedeckt werden kann, bzw. die Dinge, die man hier halt sonst nicht bekommen könnte. Nur so funktioniert halt die Wirtschaft nicht. Und zu viel darüber nachdenken macht nur Kopfschmerzen. :o(
      Liebe Grüsse
      Charlotte

      • giftigeblonde 26. Juni 2014 um 12:19 #

        So sollte es sein, aber was ist schon normal?

        Ich frage mich eh öfter wie wir früher überlebt haben ohne die ganzen Importe, in meiner Kindheit gabs da sehr viel weniger im Angebot.

        Andererseits wer mag auf italienischen Parmesan, französischen Käse oder spanischen Rioja verzichten? Also das geht halt nur mit Importen.

        Liebe Grüße Sina

      • Charlotte 30. Juni 2014 um 22:18 #

        Oooch, der Schweizerkäse schmeckt gerieben auch sehr lecker. Früher gab es bei uns über die Spaghetti immer geriebener Emmentaler. Der zieht so wunderschön lange Fäden. :-) Auch französischer Käse muss ich nicht unbedingt haben. Rioja auch nicht. Aber anderen Wein aus dem Ausland – viele Schweizer Weine schmecken mir nämlich gar nicht. Und der, der mir schmeckt, der ist sauteuer. Also doch Importe. ;-)
        Liebe Grüsse
        Charlotte

      • giftigeblonde 1. Juli 2014 um 16:24 #

        Geht mir ähnlich, wobei ich schon auch österreichische WEine trinke, aber Rioja krieg ich keinen österreichischen..oder gscheiten Parmesan..das ist ja das Dilemma.

        lg . Sina

  2. Houdini 25. Juni 2014 um 01:25 #

    Meine Denkweise deckt sich hier 95% mit Deiner. Die 5% sind bezogen auf „… im Schweizer System nicht stimmen“, denn es ist in vielen Ländern so, in den meisten industrialisierten Wirtschaften. Das war und ist heute noch so in Taiwan, Japan und Thailand. Thailand ist nicht mal so stark entwickelt und trotzdem werden hier den Bauern über den vom Staat garantierten Reispreis Steuergelder nachgeschmissen, in Milliardenhöhe. Der Staat kauft den Reis zu überhöhten Preisen und sitzt auf dem Reisberg, wie früher der Butterberg in der Schweiz.

    Den kleinen Ladenbesitzern half in der Schweiz niemand, den Maschinenfabriken auch nicht, wenn sie nicht mehr wettbewerbsfähig waren.

    Ein mir bekannter Bauer in der Schweiz sagte vor einigen Jahren über seine erbärmlich aussehenden Kühe, er wolle keine besseren, denn er dürfe ohnehin nicht mehr Milch abliefern, aber er erhalte pro Kuh Subventionen. Das ist vielleicht heute nicht mehr so, war es aber.

    • Charlotte 25. Juni 2014 um 22:16 #

      Das ist leider heute auch immer noch so: da wo subventioniert wird, wird angebaut, investiert, etc. Und genau das hasse ich an unserem System. Ich finde Subventionen für die Landwirtschaft ok, da diese schliesslich auch wichtig für die Landschaftspflege ist. Aber: die Subventionen sollten zielgerichteter fliessen. Sinnvoller. Jeder landwirtschaftliche Betrieb sollte einen Businessplan aufstellen müssen, so wie jeder normale Betrieb, der eine Finanzierung (halt nicht vom Staat, aber von der Bank) braucht. Und nach diesem Plan wird beurteilt, ob und wieviele Gelder fliessen. Ausserdem sollte bei Umzonung von Landwirtsschaftflächen in Bauland mindestens 80% des Gewinns (eigentlich sollten es 100% sein) wieder in die Staatskasse fliessen. Schliesslich werden bei Auszonungen auch Entschädigungen aus der öffentlichen Hand bezahlt. Beim Gedanken an dieses Ungleichgewicht kann ich mich schon gleich wieder aufregen. Tsssssss… ;-)
      Liebe Grüsse
      Charlotte

  3. f27728476 24. Juni 2014 um 18:31 #

    Hallo Charlotte !
    Ich komme vom Einkaufen bei Aldi da gibt es Äpfel aus Neuseeland !!
    Mich würde Interessieren wie viel der Einkäufer bei Aldi für die Ware bezahlt ,
    wie hoch die Transportkosten für die Äpfel sind und was beim Bauern in Neuseeland
    für die Ware hängen bleibt .
    Schade die Äpfel waren schon in Neuseeland ich nicht :-)
    Ps : Habe auch Original Schweizer Käse mitgenommen der ist einfach SUPER !!!
    Gruß
    Uli

    • Charlotte 25. Juni 2014 um 22:04 #

      Tja, viel wird beim Apfel-Produzenten auch nicht hängenbleiben. Sowieso ist es ja eigentlich doof, dass man jetzt noch Äpfel kauft, wo sie bei uns doch gar keine „Saison“ mehr haben. Und trotzdem kaufe ich auch immer wieder solche Dinge…
      Liebe Grüsse
      Charlotte

  4. marliesgierls 24. Juni 2014 um 17:01 #

    Ja ich kenne die Milch-Rechnungen, ich wohne zwischen mehreren Milchbauern. Ein System das vorne und hinten nicht stimmt. Ich produziere ja meine eigene vegane Milch, mal Soja, Mandel, Hanfsamen, Reis….. die meisten recht lecker und immer frisch, damit bin ich sehr zufrieden. lg Marlies

    • Charlotte 25. Juni 2014 um 21:55 #

      Ich mag Reis-, Hafer- oder Dinkelmilch sehr gerne (Soja weniger) und trotzdem kann ich mir meinen schwarzen Tee ohne normale Milch nicht vorstellen – habe es ein paar Mal versucht, aber das schmeckt mir einfach nicht. Aber ich kann mir schon gut vorstellen, dass es viele Leute gibt, die ganz ohne Milch auskommen.
      Liebe Grüsse
      Charlotte

      • marliesgierls 26. Juni 2014 um 05:54 #

        Also Tee trinke ich nicht mit Milch und stimmt mit Pflanzenmilch kann ich ihn mir auch nicht vorstellen. lg Marlies

  5. regenbogenlichter 24. Juni 2014 um 11:18 #

    In Deutschland ist dieses Missverhältnis noch viel schlimmer. Sie sind bei einem Literpreis von 40 Cent, was die Bauern als fairen Preis erhalten müssten.(bekommen sie aber nicht!) Wenn man sich anschaut, was die Milch im Handel kostet (etwa 1 €, also noch nicht wirklich viel), kann man sich ausrechnen,was Molkereien und vor allem die Handelsketten noch abzweigen.

    • Charlotte 25. Juni 2014 um 21:44 #

      Ja, bewegt sich ungefähr im gleichen Rahmen, wie in der Schweiz. Wie sieht es denn bei Euch mit Subventionen aus?

      • regenbogenlichter 25. Juni 2014 um 22:24 #

        Klar gibt es Subventionen, auch von der EU. Viele könnten sonst wahrscheinlich nicht überleben. Bei genauen Zahlen muss ich aber leider passen. 2011 war das, glaube ich, da haben sie mal aus Protest keine Milch geliefert und alles in die Güllegruben geschüttet, weil Molkereien und Handel sie so knebeln. Leiden müssen dann die Tiere drunter. Und Futterskandale und was nicht alles. Für einen Mercedes vor der Tür reicht es meist trotzdem. ;-)
        Ich bin aber trotzdem der Meinung, für eine vernünftige Tierhaltung, müssen sie auch entsprechend bezahlt werden. Und auch die anderen Leute, mit Niedriglöhnen kann man das nicht… das ist ein Teufelskreis…

  6. f27728476 24. Juni 2014 um 10:27 #

    Super Bild !!

    • Charlotte 25. Juni 2014 um 21:19 #

      Danke! War auch ein schönes Model, mit extrem flauschigen Ohren. :o)

  7. trina59 24. Juni 2014 um 07:58 #

    Ich habe mir über die Milch und die Subventionen der Landwirtschaft bislang wenig Gedanken gemacht, aber nachdem ich Deinen Artikel gelesen habe, bin ich nachdenklich geworden. Schöner Artikel!

    • Charlotte 25. Juni 2014 um 21:19 #

      Danke, das freut mich. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, dass ich mir über sehr viele Dinge, die in meiner unmittelbarer Umgebung liegen, auch zu wenig Gedanken mache.
      Liebe Grüsse
      Charlotte

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