Studie am lebenden Subjekt

14 Dez

So!

Meine Mama würde darauf jetzt mit «aha!» antworten. Und damit wäre alles gesagt. Naja, fast alles. Z.B. nicht, dass ich innerlich Samba tanze, weil ich so stolz auf mich bin.

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Ich schlug also gegen acht am vereinbarten Treffpunkt auf – in einer Bar. Einer Raucherbar. Mit sehr guter Lüftung – angeblich. Nur so gut konnte die nicht sein, denn meine Haare stinken jetzt noch wie nach einer Nacht in einem Drittklass-Raucher-Wartesaal. Ich staunte ja bereits im Vorfeld ein wenig darüber, dass jemand, der im Online-Profil schreibt «rauche sehr selten», eine Raucherbar als Treffpunkt vorschlägt. Ok, staunen ist etwas übertrieben, denn ich konnte mir sehr gut denken, dass «sehr selten»  vom Gegenüber vermutlich grosszügiger ausgelegt wird, als von mir. Das scheint online normal zu sein. War ja bereits bei meinem Ex-Partner so. Dort hiess «sehr selten» ein Päckchen am Tag. Tja.

Der Abend mit Mr. Unbekannt war (trotz Rauch) nett. Nur nett. Nicht mehr. Auf jeden Fall nicht so, dass ich morgen Abend mit Mr. U. gleich essen gehen möchte. So, wie von ihm vorgeschlagen. Ich gebe zu, für mein Ego ist das schon auch ganz nett. Selbst die dick aufgetragenen Komplimente hat mein Ego wohlwollend zur Kenntnis genommen. Ich habe dem Ego dann aber eines auf die Mütze gegeben und die Begeisterungsstürme meines Gegenübers etwas abgeschwächt – bloss keine falschen Hoffnungen wecken. Oder bereits geweckte schüren. Denn ich konnte förmlich spüren, dass Mr. U. nur auf eine unbedacht Äusserung oder Geste meinerseits wartete, um mir dann gleich auf die Pelle zu rücken. Deswegen bin ich ja auch sooooo stolz auf mich: ich habe die Situation genial gemeistert ohne mein Gegenüber vor den Kopf zu stossen und – noch viel wichtiger – ohne mich grossartig verbiegen zu müssen. Nur zwei bis drei Mal verknoteten sich unter dem Tisch meine Füsse, weil sie sonst auf meine Fluchtgedanken reagiert hätten. Aber diese Impulse waren immer schnell wieder verflogen. Achtsamkeit-sei-dank, Gefühle annehmen, akzeptieren, vorbeiziehen lassen. Klasse! Ausserdem fand ich es auch ganz spannend, nach so langer Ausgangsabstinenz wieder einmal in ein Nachtleben einzutauchen und die Leute um mich herum zu studieren. Die jungen Leute. Ja, verdammt, ich werde alt. Habe den Altersdurchschnitt ziemlich nach oben korrigiert. Überhaupt, diese Jungen…ich hätte sooooooo gerne (heimlich) fotografiert. Eine fotografische Studie am lebenden Subjekt, sozusagen. Am runden Tisch rechts von mir zwei Männlein und zwei Weiblein, in der Mitte eine überdimensionale Shisha, an der reihum genuckelt wurde. Und jede/r der vier hatte das Handy vor sich liegen, auf dem mehr oder weniger fleissig rumgetippt wurde. Gerne hätte ich gefragt, ob sie sich per facebook unterhalten. Habe mich dann aber doch entschieden, meine stille, sichere Beobachterrolle nicht aufzugeben. Rechts von mir sass ein junger Mann, der sein Bier besser gegen eine Diät-Cola eingetauscht hätte. Wobei so ein kleiner Winterspeck im Winter ja nicht verkehrt ist. Vermutlich hätte er mit Diät-Cola auch nicht weniger unappetitlich gerülpst. Er fand das anscheinend total ok. Vielleicht sogar cool. Ganz kurz war ich versucht zu denken, dass bei der heutigen Jugend das öffentlich laute und andauernde Rülpsen der letzte Schrei ist. Ich verwarf diesen Gedankengang aber schnell wieder weil ich merkte, dass sein Kollege sichtlich peinlich berührt war. Es besteht also noch Hoffnung.

Mr. U., der inzwischen beim dritten Bier angelangt war, schien davon nicht viel mitzubekommen. Vielleicht war es ihm auch einfach egal. Oder seine Konzentration auf mich war grösser als die meine auf ihn. Auf jeden Fall schlug Mr. U. vor, noch ein Haus weiterzugehen. Oder – besser noch – bei ihm noch etwas zu trinken. WTF?!? Sehr souverän konnte ich ihn von seinem zweiten Vorschlag ganz schnell wieder weglenken, ohne dass er es überhaupt registrierte. Uff, soll noch einmal jemand sagen, ich sei undiplomatisch. Der Abend hätte sich danach vermutlich noch in unendliche Längen gezogen, wenn ich nicht kurz nach Mitternacht höflich aber bestimmt klar machte, dass für mich nun die Zeit zum Gehen gekommen sei. Das war nicht einmal gelogen, denn so viel Trubel, Lärm, Unterhaltung und Rauch haben mich schon gefordert. Die Klippe des gemeinsamen Abendessens umschiffte ich vorerst mit einem «ich gebe Dir noch Bescheid». Was inzwischen erledigt ist. Mit einer Mail, in der ich mich für den netten Abend bedankt habe und ihn wissen lasse dass ich gerne mal wieder etwas mit ihm unternehme. Nicht gleich morgen und in keinem Fall mit irgendwelchen Absichten meinerseits.

Inzwischen habe ich auch noch eine Pizza gefuttert, mit meinen Katzen gekuschelt, eine Stunde auf dem Sofa geschlafen, Feuer gemacht und eine Glühbirne fotografiert. Vielleicht wäre jetzt die richtige Zeit, um ins Bett zu gehen.

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4 Antworten to “Studie am lebenden Subjekt”

  1. nandalya 16. Dezember 2013 um 17:04 #

    Nett, ja? hahahaha …

  2. giftigeblonde 15. Dezember 2013 um 20:35 #

    Ich schmeiß mich weg und bewundere deine Langmut.
    Hast du gut gemacht Charlotte!
    Und derartige Feldstudien sind immer klasse ;-)

    • Charlotte 15. Dezember 2013 um 21:53 #

      Eigentlich hätte ich gestern noch seine Antwort auf meine Mail posten sollen – die war an Theatralik kaum mehr zu überbieten… *grins*

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