Es reicht! Das muss raus!

26 Nov

Liebe X, lieber Y

Vielleicht ist eine eMail nicht der richtige Weg, nach Mitternacht nicht die richtige Zeit und mein Tonfall nicht ganz der passende. Aber das muss bei mir jetzt auf der Stelle raus, ungekürzt, unlektoriert und unzensuriert, sonst platze ich.

Möglicherweise sind starre Arbeitszeiten und lange Mittagspausen, die mir persönlich überhaupt nicht gut tun, tatsächlich dazu gedacht, dass ich mich an einen «geregelten» Arbeitsalltag gewöhne. Auch wenn ich die kompromisslose Mittagspause doch ein wenig als Schikane empfinde, weil anscheinend bei anderen IM-Teilnehmenden Ausnahmen gemacht werden können. Aber gut, ich versuche, diesbezüglich meine Bedürfnisse zurückzunehmen, zu verstehen und zu akzeptieren, dass es nun mal so ist, wie es ist. Vielleicht fällt mir «das Verstehen» momentan gerade etwas schwerer, weil mich die Stellensuche belastet und weil über die letzten Wochen meine Beziehung so langsam auseinandergebröckelt ist. Aber glauben Sie mir, ich gebe mir wirklich Mühe.

Was ich jedoch überhaupt nicht verstehen kann ist, dass ich heute beim Foxtrail Gruppenleiterin sein musste und zwar bei einer Gruppe, von der ich nicht eine Person kannte und in der 75% der Teilnehmenden überhaupt keinen Bock auf diese Schnitzeljagd hatten. Zugegeben, ich war auch nicht begeistert von der Aussicht, daran teilzunehmen. Ich hatte Y letzte Woche bereits vorgewarnt, dass es mir vermutlich etwas zu viel werden könnte, weil ein volles Eltern-Besuchswochenende vorangehe. Trotzdem konnte ich mich zur Teilnahme aufraffen, so wie ich mich immer mal wieder im Rahmen der IM aufgerafft habe – schliesslich will ich ja vorwärtskommen und mich «aufbauen». Ich habe mir also einen Tritt in den Hintern gegeben, obwohl es mir heute nicht gut ging. Weil mir überhaupt nicht nach Gesellschaft war. Und weil mir ausserdem die Trennung von meinem Partner am Sonntag doch ziemlich zu knabbern gibt.

Einfach so als Teilnehmerin in einer Gruppe, in der ich vielleicht sogar noch jemanden gekannt hätte (organisatorisch durchaus machbar), mitzulaufen, hätte ich weggesteckt. Aber fünf Minuten vor Beginn des Trails gesagt zu bekommen, dass ich eine Gruppe von Lernenden leiten muss, mit denen ich noch gar nie etwas zu tun hatte und deren Namen ich z.T. noch nicht einmal aussprechen konnte, das war einfach zu viel. Mich hat dieser Nachmittag total gestresst – mein Tinnitus pfeift so laut, wie schon lange nicht mehr und zuhause überfiel mich erst einmal das heulende Elend. Ganz zu schweigen davon, dass mir selbst nach einem heissen Bad immer noch nicht warm geworden ist nach der dreistündigen Hatscherei bei Minusgraden durch den Schnee und durch Matsch.

Ich weiss, ich hätte Nein zur Gruppenleitung sagen können. Aber dafür war ich erst einmal zu perplex. Danach war es irgendwie zu spät und ausserdem hielt ich mich nicht dafür. Ist ein schwacher Punkt von mir, ich weiss. Ich hätte auch die Hände in den Schoss legen können; mich an der Suche nur ein Minimum beteiligen; sagen, dass ich nicht einsehe, warum ich mit meinem persönlichen Handy die Helpline anrufen soll; nach dem xten sexistischen Spruchs eines Mitglieds ausrasten können und vor allem hätte ich mir nicht die Mühe geben müssen, die restlichen Gruppenteilnehmenden zum Mit- und Weitermachen zu motivieren. Denn eigentlich hatte ich schon genug damit zu tun, mich selber zu motivieren. Dann aber wäre unsere Gruppe nach dem 7. Posten direkt zum Ziel gefahren – nämlich sobald wir von einer anderen Gruppe per sms eben dieses erfahren hatten. Ja, das ist auch mein Fehler, dass ich das Gefühl habe, etwas Ordentlich machen zu müssen.

«Hilf Dir selbst, so wird Dir geholfen» – dieser Grundsatz scheint tatsächlich Bestand zu haben. Leider. Denn von den Verantwortlichen vom Z-Team hätte ich schon erwartet, dass sie mich nicht in eine solche Situation bringen, wie heute. Vor allem nicht, wenn bekannt ist, dass ich ein für mich anstrengendes Wochenende hinter mir habe und meine Beziehung einen Tag vorher gerade den Bach runtergegangen ist. Erwähnte ich übrigens bereits, dass ich letzten Freitag trotz fiesen Drehschwindels gearbeitet habe? Nein? Vielleicht sollte ich ja öfter und vor allem lauter jammern. Nur ist das leider nicht so meine Art. Naja, vielleicht soll es das Ziel einer IM sein, mich so unter Druck zu setzen, dass ich in irgendeiner Form reagieren muss – sei es mit einem Heulkrampf, mit Tinnitus, mit SVV oder mit einem Amoklauf. Vielleicht ist es das Ziel, mir vor Augen zu führen, dass ich einem Arbeitsalltag nicht gewachsen bin. Und noch weniger einem Studium. Dann aber scheine ich unter den Begriffen „Integration“ und „Aufbau“ etwas komplett anderes zu verstehen, als Z und die IV.

«Hilf Dir selbst, so wird Dir geholfen»: Ja, ich reagiere auf den Druck, schaue zu mir und bleibe heute, am 26. November 2013 zuhause. Weil ich diesen Abstand gerade brauche, um wieder runterzukommen und nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.

Freundliche Grüsse
Ch.

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16 Antworten to “Es reicht! Das muss raus!”

  1. desweges 26. November 2013 um 15:50 #

    Charlotte, das hast du gut gemacht. Auch das du jetzt für dich sorgst. Nein sagen, etwas ablehnen fällt auch mir super schwer.
    LG desweges

    • fiirvogu 26. November 2013 um 17:06 #

      Freut mich, dass Du das so siehst. Ich glaube, dass „Nein sagen“ für viele Menschen sehr schwierig ist. Und sich anzugewöhnen, wirklich für sich zu schauen, ist auch sehr schwierig. Auf für das Umfeld. Weil mit einem Ja-Sager vermutlich viel einfacher auszukommen ist. ;-)
      Liebe Grüsse
      Charlotte

      • desweges 26. November 2013 um 19:30 #

        Das glaube ich auch. Und manche suchen sich deshalb auch immer „Ja-sager“ als Kooperationspartner, leider. LG desweges

  2. giftigeblonde 26. November 2013 um 09:22 #

    Fein!
    Spät aber doch hast du dargelegt, was dich stört.
    Jetzt noch zum richtigen Zeitpunkt solche Anwandlungen und dann ist das perfekt.

    Das geht sicher nicht von heute auf morgen, aber stetig und dann bist du am „Ziel“.

    Aufbauende Grüße Sina

    • fiirvogu 26. November 2013 um 16:57 #

      Das ist wohl der nächste Knackpunkt – der richtige Zeitpunkt. *seufz* Muss morgen zu einem Meeting antraben, in dem besprochen wird, wie es weitergehen soll. Fürchte, dass meine Mail nicht so gut angekommen ist. Vorallem das mit dem „Amoklauf“ scheint einige Besorgnisse erregt zu haben. Eigentlich tragisch, dass dieses Wort nicht als Zynismus erkannt wurde. Bin ja gespannt, was mich morgen erwartet…
      Ganz liebe Grüsse aus dem Schnee
      Charlotte

      • giftigeblonde 26. November 2013 um 18:18 #

        Oh du schaffst das morgen, du hast es dir von der Seele geschrieben und kannst sicher morgen auch Worte mit einem Gegenüber finden.
        Erklär denen mal den Begriff Zynismus…;-)
        Liebe Grüße auch ausn Schnee wääähh

  3. oliver2punkt0 26. November 2013 um 08:10 #

    Nicht perplex sein und von anderen etwas erwarten… „Nein“ sagen! Musste ich aber auch erst lernen.
    Erhol Dich!

    Oliver 2.0

    • fiirvogu 26. November 2013 um 16:50 #

      Wie lange hat es bei Dir gedauert, bis Du das „Nein sagen“ so einigermassen verinnerlicht hast? So dass Du es zum richtigen Zeitpunkt hervorholen kannst? :-o
      Lieber Gruss
      Charlotte

      • oliver2punkt0 26. November 2013 um 16:54 #

        47 Jahre und zwei Herzinfarkte.
        Oliver 2.0

      • fiirvogu 26. November 2013 um 17:02 #

        Ok, die Frage war unpräzise gestellt: vom Moment an, an dem Du gemerkt hast, dass etwas passieren muss (Herzinfarkt) bis zu dem, an dem ein „Nein“ ganz selbstverständlich Deine Lippen verlassen hat – zum richtigen Zeitpunkt.

      • oliver2punkt0 26. November 2013 um 17:21 #

        Das geschah relativ schnell und fühlte sich gut an. Es ist auch wichtig, denn wer, wenn nicht Du, kann wissen was Dir gut tut und was nicht?
        Jedes bewußte Nein, aber auch jedes bewußte Ja machen Dich stark!

  4. blumenelfe 26. November 2013 um 06:02 #

    Ich sehe es wie puenggi!
    Fühl Dich gedrückt :-*

  5. puenggi 26. November 2013 um 03:59 #

    Ich finde du hast das gut geschrieben. Klar mit Emotionen, aber doch sachlich und bündig.

    • fiirvogu 26. November 2013 um 16:43 #

      Danke, dass Du das sagst. Auf der anderen Seite ist meine Mail wohl nicht so gut angekommen, denke ich. Habe heute einen Anruf bekommen…..morgen gibt es ein Meeting…

      • puenggi 26. November 2013 um 16:49 #

        Oh Man, man kann auch extrem schwierig sein.
        Ich drücke dir die Daumen.

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