Tut mir leid, aber ich muss mich mal wieder auskotzen

29 Okt

So langsam glaube ich, dass es eine unumstössliche Gesetzmässigkeit ist, dass bei mir auf eine gute Nachricht unweigerlich eine schlechte Nachricht folgt. Über die bestandene Aufnahmeprüfung für das Psychologiestudium habe ich mich so sehr gefreut. Dass es mit der Finanzierung nicht ganz einfach werden wird, war mir auch klar. Aber dass mich die IV so komplett hängen lässt, das hätte ich nicht gedacht. Meine IV-Betreuerin Frau W. hat mir gestern gegen Abend am Telefon wortwörtlich an den Kopf geknallt: «wenn Sie das Studium am 21. Februar tatsächlich antreten, dann stehen Sie alleine da». *ZACK* Bei mir ist danach natürlich gleich wieder ein ganzer Film abgelaufen. Ich habe in den vergangenen Monaten wirklich stark an mir gearbeitet und so viele meiner Überzeugungen über Bord geworfen, um meine Einstellung zu mir, meinem Leben und meinem Umfeld zu verbessern. Mit teilweisem Erfolg, Verbesserungspotenzial ist bestimmt noch sehr viel vorhanden. Ich bin auch extrem über meinen Schatten gesprungen, um mich überhaupt mit der IV einzulassen, weil ich mit Behörden eigentlich gerne so wenig, wie möglich zu tun habe. Von Anfang an habe ich ganz offen dargelegt, wie für mich ein lebenswertes Leben aussieht. Ein Leben, das ich leben kann und will. Und dass in einem solchen Leben mein alter Beruf oder ähnliche Bürojobs mittelfristig keine Option sein können. Keine Hirngespinste habe ich vorgeschlagen, sondern ganz konkrete und durchführbare Dinge, die ich auch mit meinem Therapeuten besprochen habe. Ich habe auch von Anfang an klar gemacht, dass es mein Ziel ist, wieder zu 100% auf eigenen Füssen zu stehen. Und ich bin sogar so weit gegangen, zuzugeben, dass ich vermutlich Hilfe brauche, um meine lebenswerten Ziele zu erreichen.

Bei der IV wurde das alles auch erst einmal anscheinend positiv aufgenommen. Alles schien offen. Und ich habe im Gegenzug sofort einer Integrationsmassnahme zugestimmt. Liegt ja in meinem Interesse, wieder den Schritt in die Arbeitswelt zu schaffen. Nichtsdestotrotz habe ich mich in Eigenregie für das Psychologiestudium beworben. Weil mir mein Bauchgefühl sagt, dass ich mich nicht alleine auf eine Behörde stützen sollte. Mein liebes Bauchgefühl! Und siehe da, ich habe die Prüfung geschafft. Aber das scheint bei der IV, bzw. bei Frau W. nun nicht sehr gut anzukommen. Sie hat mir nicht einmal gratuliert! Wenn es nach meiner Betreuerin geht, mache ich jetzt erst einmal mein Aufbautraining und danach irgendetwas und dann, vielleicht Anfang 2015, könnte ich dann schauen, ob es mit einem Studium klappen könnte. Das heisst, dass die IV in Erwägung ziehen könnte, mich noch ein Jahr irgendwie mitzuschleppen (finanziell), bis sie sich entscheidet, ob sie mir eine Umschulung finanziert. Und wenn nicht, dann habe ich mindestens ein Jahr verloren. Ganz zu schweigen davon, dass ich die Prüfung für die Hochschule noch einmal wiederholen müsste (was mich auch noch einmal 700 Franken kosten würde) und sie dann vielleicht nicht bestehe – wer weiss das schon.  Das ist doch total bescheuert und zeigt mir, dass ich als Mensch mit meinen Problemen, Ängsten und Bedürfnissen bei den Angestellten dieser Behörden überhaupt nicht ernst genommen werde. Wie soll denn meine IV-Betreuerin, die mich erst dreimal gesehen hat, genau wissen, was für mich gut ist und was ich leisten kann. Wenn jemand – ausser mir – das noch beurteilen kann, dann ist das mein Therapeut.

Was mich bei meiner IV-Beraterin vor allem auch aus der Fassung gebracht hat ist, dass sie – in meinen Augen – absolut unprofessionell gehandelt hat. Anstatt mich zu einem persönlichen Gespräch einzuladen, um mit mir über das weitere Vorgehen zu sprechen, schmettert sie mir am Telefon diesen Satz an den Kopf. Obwohl sie vermuten müsste, dass mich das ziemlich aus der Bahn werfen könnte – sie kennt ja meine ganze Vorgeschichte (sollte man meinen). Frau W. denkt übrigens, dass ich es nicht schaffe, 50% zu arbeiten und daneben das Studium zu absolvieren. Dass es für meinen Entwicklungsprozess negativ wäre, wenn ich mich jetzt überfordere. Und dass es für mich auch schwierig werde, überhaupt eine Stelle zu finden mit meiner Vorgeschichte. Aha? Aber ohne berufsbegleitendes Studium und nach längerer IM-Massnahme würde es dann einfacher oder wie? Dazu schob Frau W. noch nach, dass ich überhaupt kein Anrecht auf eine Umschulung im Hochschulbereich habe, weil ich über keinen Hochschulabschluss verfüge (ich hatte nach 5 Semester Betriebsökonomie das Studium abgebrochen). Aber mich und meine Bedürfnisse nicht ernst nehmen scheint für meinen Entwicklungsprozess positiv zu sein oder wie?!?! Und warum hatte sie das mit dem Studium nicht bereits bei unserem ersten Gespräch gesagt? Sie kannte ja meine Ziele. Aber die scheinen ihr egal zu sein. Und was weiss Frau W. schon über meinen Entwicklungsprozess! Kann sie nur im Ansatz erahnen was es heisst, mit dem Leben abzuschliessen, zu begreifen, dass es mit dem Selbstmord nicht geklappt hat und sich dann an den Punkt zu kämpfen, an dem ich jetzt bin? Nein, das kann sie nicht. Das will sie (und so unterstelle ich es Frau W. einfach mal) vermutlich auch nicht. Aber erst einmal eine IM-Massnahme verordnen, damit Zeit ins Land streicht und ich nach der Massnahme nicht einmal mehr die Möglichkeit hätte, Arbeitslosengeld in Anspruch zu nehmen, wenn ich keinen Job finde, weil meine Beitragszeit zu wenig lang ist. «Neeeein, das ist nicht so», meinte Frau W, «das IV-Taggeld wird auch angerechnet». Tja, leider ist die gute Frau diesbezüglich falsch informiert. Vom IV-Taggeld werden keine Sozialbeiträge abgezogen. Genauso wenig, wie vom Krankentaggeld. Deswegen werden diese Einkünfte auch nicht angerechnet. Wer das nicht weiss und sich auf die falsche Information von Frau W. verlässt, landet nach einer IM, die nicht direkt in eine Stelle mündet, völlig unvorbereitet bei der Sozialhilfe. Na dann Prost!

Aber ohne mich!!! Ich mag zwar Depressionen haben und in einigen Charakter-Dingen einen echten Knall, aber auf den Kopf gefallen bin ich nicht. *schnaub* Also Tschüss IV, ich schaffe es auch ohne Euch!

Der gestrige Abend war dann irgendwie scheisse. Und heute Morgen habe ich mich noch beschissener gefühlt. Habe dann erst einmal meinen Therapeuten angerufen, um für diese Woche noch einen Termin zu machen und kurz zu skizzieren, was mich beschäftigt. Mit ihm werde ich bestimmt eine gute Auslegeordnung machen und die nächsten Schritte definieren können. Nach diesem Telefonat setzte ich mich mit «Pro Mente Sana» in Verbindung. Das ist eine Stiftung, die sich für die Interessen psychisch kranker Menschen einsetzen und bei der man sich kostenlos beraten lassen kann. Meine Gesprächspartnerin Frau G. war sehr hilfsbereit und wird mir in den nächsten Tagen eine Liste mit Stiftungen zukommen lassen, die mich bei der Finanzierung des Studiums möglicherweise unterstützen könnten. Ausserdem hat sie mir Mut gemacht, meinen Weg weiterzuverfolgen. Es sei bestimmt die richtige Wahl, wenn ich bereit sei, dafür zu kämpfen und erst noch die schwierige Aufnahmeprüfung der Hochschule bestanden habe. Diese Worte haben mir so gut getan. Wirklich! Nach dem Gespräch mit Frau G. befolgte ich den naheliegenden Tipp, den sie mir an Herz legte und setzte mich mit der Fachstelle für Ausbildungs- und Studienbeiträge in Verbindung. Herr F., der Leiter der Fachstelle war auch äusserst hilfsbereit. Ausserdem redete er nicht um den heissen Brei herum und brachte es auf den Punkt: ich bin nicht stipendienberechtigt weil zu alt, zu wenig lange im Wohnkanton, zu «reiche» Eltern. Ich LIEBE Leute, die Klartext reden und zwar auf die Art, wie Herr F. Der ist empathisch, hört zu, begründet schlüssig und zeigt Alternativen auf. Ausserdem machte auch er mir Mut. Er sagte mir nämlich, dass ich den Fehlbetrag von Teilzeitertrag zu benötigtem Einkommen bestimmt durch Stiftungen (von denen er mir einige empfohlen hat) decken könne. Ausserdem verriet er mir noch ein paar Tipps für das Anfrageschreiben. So lieb!

Uff, nach diesem Anruf ging es mir ein wenig besser. Aber ich merke doch, wie mir das Auf- und Ab, die vielen Gespräche und die Anspannung nachhängen – ich bin total erledigt. Eigentlich wollte ich heute Nachmittag einen Teil des Dachbodens isolieren…….habe es aber nicht geschafft, mich noch zu irgend einer produktiven Tätigkeit aufzuraffen. Wobei, stimmt nicht ganz: ein paar Teilzeitstellen habe ich mir noch rausgeschrieben, bei denen ich mich bewerben möchte. Und die Bewerbungen dann hoffentlich auch wirklich schreibe. Im Moment ist mir noch überhaupt nicht danach. Denn der Gedanke daran versetzt mich in totale Panik, weil ich merke, dass ich gerade jetzt im Moment noch nicht so weit bin. Aber ich habe keine Wahl. In weniger als drei Monaten beginnt das Studium – bis dahin muss die Finanzierung stehen. Und Weihnachten/Neujahr liegt auch noch dazwischen. Also zweieinhalb Monate…

ganesh20om

Ooooommmmm, Energie komm zu mir!

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13 Antworten to “Tut mir leid, aber ich muss mich mal wieder auskotzen”

  1. oliver2punkt0 29. Oktober 2013 um 22:16 #

    Ich drück Dir die Daumen!

  2. Eva 29. Oktober 2013 um 20:52 #

    Ich kann mich den Vorrednern nur anschliessen. Go on! Du schaffst das, weil du es willst und daran glaubst. Und der Erfolgbei der Aufnahmeprüfung bestätigt deine Eignung dafür.

    Erstaunlich, was für Ressourcen Du hast! Respect.

    lch wusste doch, dass man den Behörden nicht trauen kann. War schon erstaunt, als du damals geschrieben hast, dass dich die IV unterstützt. Jaja, viel Blabla und wenns dann darauf ankommt…

    Istdoch klar, dass die nicht freiwillig was zahlen, wenn du nicht grad als Tetraplegiker ankommst, und dann noch für eine Ausbildung. Beim RAV tun sie auch so scheinheilig und schicken einen in tolle Selbstfindungskurse aka Beschäftigungsschikane (hab ich selbst verlebt früher) aber bewerben musst du dich dann ja trotzdem wieder aufm alten Job.

    Sorry, macht mich immer wieder wütend solche Geschichten. Grrr. So geht man halt mit den ehrlichen um, während andere di IV um Millionen betrügen. Und war dein Ziel ganz klar, wieder Arbeitsintegration.

    Ganz zu schweigen davon, was du im letzten Jahr durchgemacht hat.

    Naja, zum Glück gibt es eben doch noch ehrlich hilfsbereite Menschen.

    Habe fertig.

    • fiirvogu 30. Oktober 2013 um 18:46 #

      :-) Es war genau diese Wut, die mich gestern zu den wichigsten Schritten getrieben hat. Heute ist die Luft ziemlich draussen. Aber das wird schon wieder. Eines ist klar: das Verhalten dieser Betreuerin werde ich nicht auf mir sitzen lassen – da werde ich meiner Fassungslosigkeit und meinem Missfallen an entsprechender Stelle noch freien Lauf lassen….wenn mein Akku wieder aufgeladen ist.
      Liebe Grüsse
      Charlotte

  3. Christina 29. Oktober 2013 um 20:50 #

    Das jetzt ist der Härtetest – ob es dir wirklich ernst ist mit deiner Entscheidung für ein selbstbestimmtes Leben! Folge deinem Herzen, lass dir von dieser Zielzahlen-orientierten Behörden-Tussi nicht den Schneid abkaufen. Sie ist nur eine Herausforderung von vielen – und schau, wie geschickt und zielgerichtet du diese Hürde bereits meisterst!
    Du schaffst das, Charlotte! Bleib achtsam, behalte dein Ziel im Blick und haushalte mit deinen Kräften, du allein bestimmst das Tempo, mit dem du dein Leben umkrempelst.

    Liebe Grüße von Christina

    • fiirvogu 30. Oktober 2013 um 18:38 #

      Mit Härtetest triffst Du den Nagel ziemlich gut auf den Kopf! :-/ Leider leben wir nicht in einer perfekten Welt, weshalb das Tempo, mit dem ich mein Leben umkremple nicht ganz alleine von mir bestimmt werden kann. Denn wenn von Aussen keine Unterstützung kommt, kann ich mir nicht die Zeit für einen nachhaltigen Wiedereinstieg in die Berufswelt geben, die ich – so wie ich das spüre – benötigen würde. Ob meine Kraft und mein Wille ausreicht, um meine Ziele zu erreichen und gegen meine Depressionen zu kämpfen, wird die Zeit zeigen.
      Herzlicher Gruss
      Charlotte

  4. buchpost 29. Oktober 2013 um 19:51 #

    Das zieht einem erst mal kurz den Boden weg, wenn man auf Menschen trifft, die so ganz anders und ohne Empathie ihren Job machen. Aber wichtig ist letztendlich, was du damit machst. Und da bin ich echt baff. Du hast sofort Maßnahmen ergriffen, egal wie es dir dabei ging: a) Termin mit Therapeut vereinbart, um Unterstützung und Hilfe bei der Strukturierung zu bekommen b) diverse Telefonate, um Infos an Land zu holen. Das c) Infos in die Tat umsetzen, kommt dann auch noch.
    Auch wenn deine Gefühle Achterbahn fahren oder fuhren, hast du das Steuer sicher festgehalten!! Du hast viel Energie und ein Ziel. Jetzt aber erst mal gute Erholung und ein Kräftetanken bei dem, was dir gut tut. LG Anna

    • fiirvogu 30. Oktober 2013 um 18:29 #

      Liebe Anna, die Geschichte hat mir wirklich den Boden unter den Füssen weggezogen. Schlimm ist für mich ausserdem, dass ich die Gedankengänge dieser Behörde, bzw. dieser Betreuerin so gar nicht nachvollziehen kann, weil sie mit ihren Aussagen und ihrem Handeln genau dem widerspricht, was von ihr selber in den Zielen der Integrationsmassnahme für mich festgehalten wurde. Das erinnert mich ganz stark an die Situation an meinem letzten Arbeitsplatz, an dem ich mich wie ein Hamster im Hamsterrad gefühlt habe, weil dort viele Dinge so sinnlos und wenig zielführend waren.
      Momentan versuche ich, meine Energiereserven wieder aufzutanken, aber es fällt mir gerade unheimlich schwer…
      Vielen Dank für Deine ermutigenden Worte!
      Herzliche Grüsse
      Charlotte

      • buchpost 30. Oktober 2013 um 20:37 #

        Liebe Charlotte, du schreibst von deinem letzten Arbeitsplatz, dass dort viele Dinge sinnlos und wenig zielführend waren und du das Verhalten der Betreuerin kaum nachvollziehen kannst. Du darfst dabei nicht vergessen, dass viele in der Arbeitswelt gar nicht mehr gewohnt sind, nach „Sinn“ zu suchen, ihnen derlei Fragen sogar lästig sein können, weil man dann nachdenken müsste, sich positionieren und das System in Frage stellen müsste. Auch wenn du dich auf einem zur Zeit manchmal ätzenden und anstrengenden Wegabschnitt befindest, gehst du aber in eine Richtung, die du als sinnvoll und für dich stimmig erkannt hast. Damit bist du weiter, als manche, die meinen, sie sitzen fest im Sattel. Also alles Liebe für’s Auftanken! Anna

  5. Follygirl 29. Oktober 2013 um 19:17 #

    Ich kann Dir nur ganz feste die Daumen drücken.. DU SCHAFFST DAS!!!
    LG, Petra

  6. giftigeblonde 29. Oktober 2013 um 18:44 #

    Puhh, das ist hart, was sich diese Affen leisten mit dir!

    ABER ich freue mich zu lesen, dass du sofort Maßnahmen gesetzt hast und dich kümmerst wie du ohne diese IV alles stemmst.
    Und jetzt sag ich es nochmal:
    Du wirst auch diese Hürde meistern, so wütend wie du bist, treibt dich das zum Ziel.

    Nichts desto Trotz: Alles Gute!

    • fiirvogu 30. Oktober 2013 um 18:15 #

      Liebe Sina, danke für Deinen Kommentar. :-) Die Wut hat mir gestern wirklich geholfen, dass ich nicht komplett untergehe. Heute fühle ich mich wesentlich energieloser, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass ich heute Morgen noch einmal ein Gespräch hatte, das mir die teilweise Absurdität der behördlichen Handlungsweisen so deutlich vor Augen führte und mir zeigt, dass man von Behörden anscheinend oft dann alleine gelassen wird, wenn man Unterstützung bräuchte.

      Herzliche Grüsse
      Charlotte

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