Selbstbetrug

15 Mai

Ich habe mir wieder wunderbar etwas vorgemacht, die letzten Wochen. Denn wenn ich etwas gut kann, dann ist es Selbstbetrug. Mindestens war das früher so. Mein ganzes Leben war auf einer oder mehreren Selbstlügen aufgebaut. Anscheinend ist es jedoch schwierig, die Fassade, die runtergebröckelt ist, zu renovieren. Vermutlich ist das objektiv betrachtet auch ganz gut so. Nur subjektiv betrachtet frustriert mich diese Tatsache momentan ziemlich. Ich habe den Umzug durchgezogen, mich mit Leuten getroffen, habe ausgemistet, ganz viele Dinge auf ricardo verkauft und Garten bearbeitet. Und ich habe dabei die Augen davor verschlossen, dass das alles einfach viel zu viel für mich war, bzw. ist. Verschlossen deswegen, weil ich nicht wahrhaben will, dass ich so schnell überfordert bin. Weil ich mich hasse, wenn ich so schnell einknicke. Wenn plötzlich gar nichts mehr geht. Aber es ist so, ich bin eingeknickt. Und es ist mein Körper, der mir die Grenze aufzeigen muss. Der Schwindel in den letzten Tage. Und die Rückenschmerzen, die heute noch schlimmer geworden sind. Und dann das heulende Elend, das mich heute ohne Vorwarnung angefallen und überwältigt hat. Scheisse, scheisse, scheisse.

Am liebsten würde ich meine Tasche packen und abhauen. Irgendwohin. Ganz weit weg. Nur würde das vermutlich nicht helfen. Denn mein beknacktes Innenleben kann ich ja nicht zuhause lassen. Meine beschissenen Schwächen auch nicht. Und auch nicht den Rest der Welt. Zudröhnen wäre eine Variante. Mich unter der Bettdecke vergraben und die Therapie morgen absagen. Es wäre eine kurzfristige Lösung, um dieses doofe Gefühl wegzubekommen. Aber vielleicht auch nicht. Ist eine unsichere Sache mit der Zudröhnerei. Und mit dem Vergraben. Verdammt, solche Gedanken habe ich mir früher auch nicht gemacht. Da habe ich mich weggeballert, habe geschnitten oder mir sonst irgendwie Schmerzen zugefügt. Das funktioniert irgendwie nicht mehr. Nicht mehr seit dem Achtsamkeitstraining. Auch das mag objektiv betrachtet gut sein. Nur manchmal möchte ich diese diffusen Gefühle nicht aushalten müssen. Möchte mich nicht etragen müssen. Möchte mir nicht eingestehen müssen, dass ich nichts mehr auf die Reihe bekomme.

Mein Häuschen ist immer noch nicht fertig eingerichtet. Noch immer stehen so viele Schachteln rum. Das Bett ist zwar aufgestellt und so weit funktionstüchtig, jedoch nicht nicht komplett fertig montiert. Beim Garten habe ich das Gefühl, dass ich zu keinem Ende kommen werde. Mein Papierkram wächst mir wieder über den Kopf und den letzten Termin beim Sozialberater habe ich verhängt. Wie so viele andere Sachen auch. Ich kann von einem Raum in den nächsten gehen, um etwas zu erledigen und weiss dort schon nicht mehr, was ich machen wollte. Meine Tage sind geprägt von unzähligen Leerläufen. Ich hasse Leerläufe und Menschen, die Leerläufe produzieren. Une ich hasse es, wenn sich mein Körper anfühlt, wie frisch unter der Dampfwalze hervorgekrochen. Ergo hasse ich mich. Tja.

Morgen kommen meine Eltern zu Besuch. Am liebsten würde ich anrufen und absagen. Wäre wahrscheinlich das Gescheiteste. Aber erstens haben sie das Bahnticket bereits gekauft und zweitens wären sie bestimmt traurig. Also lasse ich es. Wäre ausserdem auch schon wieder etwas, das ich nicht auf die Reihe bekomme. Wie ich es auch mache ist es falsch. Oh man, habe ich von mir und meinem Leben gerade mal wieder so richtig die Schnauze voll.

Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
Komm, führe mich in Friede,
weil ich der Welt bin müde,
ach komm, ich wart auf dich,
komm bald und führe mich,
drück mir die Augen zu.
Komm, selge Ruh!

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7 Antworten to “Selbstbetrug”

  1. annaarbeit 16. Mai 2013 um 21:29 #

    Und ich dachte, ICH würde hart mit mir umgehen. Meine Güte, Du lässt Dir aber auch gar nichts durchgehen.

    Du hast gerade einen Umzug hinter Dir – etwas, was mit Depression kaum zu stemmen ist – und bist dabei, Dich an neuer Stelle zu verwurzeln. Und das soll von heute auf morgen funktionieren?

    Mädchen, nur Jesus konnte übers Wasser gehen, und das Ende kennen wir doch alle!

    *Schimpfmodus aus*

  2. elsuho 16. Mai 2013 um 09:27 #

    Also Du mußt doch auch nicht alles perfekt machen können, weder mit dem Umzug noch sonst? Muß man das? Wir wohnen seit 5 1/2 Jahren hier und haben auch noch nicht alles fertig, wird es auch nie werden. Das Überfordertsein kenne ich ja leider auch zu gut, bzw. schlecht, bäh, und auch das Flirten mit dem Tod ist mir durchaus bekannt. Ich habe in den letzten Jahren viel geflirtet. Du bist, wie Du bist, und niemand muß perfekt sein, überhaupt, die bescheuerte Welt schreibt uns doch vor, was „perfekt“ sein soll. Mit welchem Recht? Schreiben ist immer gut, schreiben hilft.
    Liebe Grüße!

    • fiirvogu 16. Mai 2013 um 23:19 #

      Da hast Du Recht, ich muss bestimmt nicht alles perfekt machen können. Mir würde ja schon genügen, wenn ich mein Leben einigermasse auf die Reihe bekomme. So weit konnte ich meine Anforderungen an mich selber bereits runterschrauben. Ist verdammt schwierig, einen 36 Jahre alten Leistungsanspruch einfach über Bord zu werfen – Eingefahrenes löst sich halt nur schwer.
      Lieber Gruss

  3. Martina Doll 15. Mai 2013 um 22:08 #

    NEIN ! Du wirst niemandem absagen! Deine Eltern sollen kommen und du nimmst auch die anderen Termine wahr!! Ich will dich sehen im Sommer!

    • fiirvogu 15. Mai 2013 um 22:26 #

      Ich werde nicht absagen – obwohl ich gerne würde. Aber diese Ausweichhandlungen sind leider ja auch nicht besonders konstruktiv. Das habe ich inzwischen gelernt. Sie sind nur manchmal einfacher (subjektiv betrachtet). Wir werden uns sehen, im Sommer. Wenn er denn noch kommt, der Sommer. Aber er hat ja noch ein paar Wochen Zeit. ;-)

      • Martina Doll 15. Mai 2013 um 22:59 #

        dann jag mir nicht so einen Schreck ein :-)

      • fiirvogu 15. Mai 2013 um 23:07 #

        Tsss, nicht erschrecken. :-) Dass ich mit dem Tod flirte ist mit meiner Vorgeschichte nichts Neues. Und dieser Blog ist dann halt mein Ventil, um Dampf abzulassen. Sozusagen eine konstruktive Ersatzhandlung. Soll aber niemanden in Angst und Schrecken versetzen! Wenn ich gehen wollen würde, würde das ganz still und heimlich geschehen. ;-)

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